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  • Jenseits der 5.000
  • Blick ins Karwendeltal
  • Gebäude mit Erddächern

Backcountry-Tour Südlicher Kungsleden

Freitag, 18. März 2016 - Donnerstag, 31. März 2016

Dienstag, 29. März 2016, etwa 18.30 Uhr. Mehr als zwei Stunden warten wir bereits auf die Bergrettung. Schneefall setzt ein, der Wind frischt auf. In Kürze wird es dunkel sein. Stirnlampen haben wir keine. Die Temperaturen sinken merklich im Fjäll. Was, wenn die Rettung nicht kommt?

Elf Tage vorher. Nach einem knappen Tag Fahrt mit Auto, Bus, Zug und Flugzeug sitzen wir am Straßenrand eines Skizentrums bei Sälen in Mittelschweden beim Verteilen des Gepäcks auf die beiden Pulkas (Expeditionsschlitten) und Rucksäcke. Insgesamt sind es rund 140 kg Gewicht, wovon 50 kg allein auf das Essen für vier Personen – Benedikt, Katja, Samira und mich – für die nächsten zwei Wochen entfallen. Gegen Mitternacht geht es mit Stirnlampen schließlich los bergauf ins Fjäll, in die baumlose Weite der schwedischen Bergregion. Die Entscheidung Backcountry-Ski anstatt Schneeschuhe mitzunehmen fällt alsbald äußerst positiv aus. Selbst ohne große Langlauferfahrung kommen wir recht zügig voran. Die erste Ernüchterung lässt allerdings nicht lange auf sich warten. Flüssiges Wasser gibt es auf der Hochebene nicht. Schneeschmelzen ist durchaus möglich, trotz sehr guter Sturmkocher auf Grund der Temperaturen von etwa -5 °C und ordentlichem Windchill allerdings nur unter enormen Benzinverbrauch. Grob überschlagen reichen unsere rund 2,7 l für weitere vier Tage. An neuen Brennstoff kommen wir erst wieder in Flötningen, in etwa acht Tagen und 140 km. Logische Konsequenz: kaum Trinkwasser, kein warmes Essen. Trinkwasser, was nachts nicht im Schlafsack liegt, wird gefrieren.

Glücklicherweise kommt doch alles anders. Es verbleibt ja noch unser Backup-Holzkocher. Zwar eine langwierige Methode, der benötigte Brennstoff ist jedoch – zumindest in den Tälern – in ausreichender Zahl vorhanden. Der Wehmutstropfen: das Wasser schmeckt infolge des nassen Brennholzes stark nach Rauch. Entsprechend steigen wir bald auf die Holzöfen in den Schutzhütten um, die etwa alle 10-15 km vorhanden sind. Diese sind abgesehen von Notfallsituation lediglich für die Nutzung tagsüber vorgesehen, bieten dafür jedoch jede Menge trockenes Brennholz und entsprechend eine gute Möglichkeit sich aufzuwärmen und Schnee zu schmelzen. Gelegentlich gibt es in den Tälern auch kleine Bäche, was das Auffüllen der Trinkwasservorräte nochmals beschleunigt.

Je länger wir unterwegs sind und je mehr wir essen, desto leichter werden die Pulkas. Was folgt aus leichteren Pulkas? Exakt, höheres Tempo und längere Tagesetappen. Sind wir anfangs mit Pausen noch bei 2,9 km/h und 15 km/Tag, sind es gegen Ende fast 5 km/h und 25 km/Tag. Unser Ziel in zwölf Tagen Grövelsjön zu erreichen, das Ende unserer Tour,  müssen wir mehrmals nach unten korrigieren. Die Motivation und die Aussicht auf Süßigkeiten ermöglichen mehrfach eine erhebliche Verlängerung der Tagesetappen, sodass wir am Ziel nach nicht einmal zehn Tagen eintreffen. Und da sage noch einer Süßigkeiten seien schlecht während sportlicher Aktivität... Langläufer und Schneemobile treffen wir übrigens lediglich in der Nähe der Touristendörfer. In den weiten Hochebenen treffen wir tagelang überhaupt niemanden. An sich verwunderlich, die Landschaft ist allemal sehenswert und die Schwierigkeit der Tour hält sich durchaus in Grenzen.

Völlig überrascht, dass wir deutlich früher als erwartet am Zielort ankommen und zunächst nicht wissen wohin mit der verbleibenden Zeit, entscheiden wir uns noch für eine Tagestour auf einen nahe gelegenen Berggipfel, dieses Mal ohne Pulkas und schweres Gepäck. Auf der Karte sieht alles ganz einfach aus. Lediglich rund 500 hm und insgesamt etwa 18 km Strecke, was im Vergleich zu den Tagen zuvor mehr oder weniger ein Witz ist. Anfänglich noch leicht bergauf, wird das Gelände gegen Ende deutlich steiler. Immer weitere Flächen sind vereist. Der Wind nimmt sehr stark zu, Schneefall setzt ein, die Sicht reduziert sich auf unter 100 m. Distanzen können überhaupt nicht mehr eingeschätzt werden. Wir können nicht mehr beurteilen, ob ein Abhang 10 m bergab geht oder über 100 m. Keinerlei Anhaltspunkte sind mehr vorhanden. 150 hm und etwa 1,5 km vor dem Gipfel beschließen wir umzukehren. Die richtige Entscheidung, wie sich sehr bald zeigt. Der Wind geht in Sturm über. Die gefühlten Temperaturen dürften bei etwa -20 °C liegen, womit wir erstmalig nicht gerechnet hatten. An sich so, wie wir uns die ganze Tour vorgestellt hatten: kalt, greislich und anstrengend. Nur dass dieses Mal die gute Ausrüstung an unserem Lager ein paar Kilometer weiter liegt.

Nach einer gefühlt endlos langen Zeit, mehreren Kilometern Strecke und einigem Auf und Ab erreichen wir schließlich den letzten Hang. Die lang ersehnte Abfahrt, erstmalig ohne Pulkas im Schlepptau. Bereits gute 200 km zurückgelegt und nur noch 800 m bis zum endgültigen Ziel. Die Schneeverhältnisse sind auch wieder besser, auch der Wind hat spürbar nachgelassen. Doch die Ermüdung macht sich langsam deutlich bemerkbar. Kurz nicht aufgepasst, schon ist es passiert. Mit einem Ski in tieferem Schnee eingebrochen, schaffe ich es mir das andere Bein mit der Stahlkante des Skis aufzuschneiden und mir eine klaffende Wunde zuzuziehen. Schmerzlich verkraftbar, aber an ein Weitergehen ist nicht zu denken. Nach sofortiger Absetzung des Notrufes und Benedikts tadelloser Erster Hilfe warten wir in der Kälte auf die Fjällrettung. Trotz mehrmaliger Angabe der exakten Koordinaten inklusive einer Lagebeschreibung müssen wir sage und schreibe 2,5 h auf das Eintreffen der Sanitäter warten. Dies war nicht der Rettung an sich geschuldet, sondern vielmehr der Notrufzentrale, die die Koordinaten falsch weitergeleitet hatte und die Fjällrettung entsprechend am falschen Ort längere Zeit nach uns suchte. Der Auftritt der Sanitäter ist dann doch beachtlich. Ein knappes Dutzend Bergretter auf Schneeskootern trifft bei uns ein und bringt uns zurück zur Straße von wo aus es mit einem Krankenwagen weiter ins 7 Meilen (70 km!) entfernte Krankenhaus geht. Auf diese Weise ging Benedikts Wunsch mit einem Schneeskooter zu fahren letztendlich doch noch in Erfüllung, wenn auch auf eine nicht ganz so erfreuliche Weise.

Trotz aktueller Verletzung steht bereits ein neues Projekt vor der Tür: Zwischen dem bekannten Nördlichen Kungsleden und dem von uns begangenem Südlichen Kungsleden gibt es mehrere hundert Kilometer Fjäll, die touristisch kaum erschlossen sind und auf eine baldige Erkundung warten...

Bericht: Jan Rauschenberger

Fotos: Katja Ketterle, Benedikt Mühldorfer & Jan Rauschenberger

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