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Chamonix-Mont-Blanc

Freitag, 01. August 2014 - Sonntag, 10. August 2014

Chamonix-Mont-Blanc

Chamonix ist der Ausgangsort für viele Touren im Gebiet des Mont Blanc. Bekannt ist es nicht nur für Hochtouren, sondern auch für alpine Klettereien in bestem Granit. So lässt sich auch die Bezeichnung als das „Yosemite Valley Europas“ nachvollziehen. Die Idee, dort einmal zu Klettern, geisterte schon seit einigen Jahren durch Tommy's und meinen Kopf und jetzt hatten wir endlich beide Zeit dafür.

Tag 1: Akklimatisierung

Freitag morgens um 4 Uhr fahren wir los und sind dadurch schon mittags an der Gondel in Chamonix. Bald nehmen wir mit einer Horde Touristen die Gondel und sind in nur 18 Minuten auf der Aiguille du Midi (3842m). Da ich noch nie mit Steigeisen unterwegs war, gibt es einen kurzen Crashkurs: Lektion 1: Immer mit möglichst vielen Zacken antreten; Lektion 2: Das Eisgerät gehört an die Bergseite; Lektion 3: Wenn du so cool und schnell sein willst wie Ueli Steck, verwende den Pickel erst ab einer Steilheit von 60°. Da es erst 15:30 Uhr ist, beschließen wir noch die ersten Seillängen des Chèré Couloir am Mont Blanc du Tacul zu klettern. Wir klettern die erste steile Eislänge von 60° und Tommy steigt noch die Schlüsselstelle vor (80°). Dann seilen wir wieder ab und laufen zu unserem Biwak. Jetzt heißt es Schnee schmelzen, damit wir uns eine Nudelsuppe und viel Tee kochen können.

Tag 2: Der Cosmique Grat

Am nächsten Morgen gehen wir trotz schlechter werdendem Wetter noch den Cosmique Grat, eine kurze und leichte Tour, um zurück auf die Aiguille du Midi zu gelangen. Es war zumeist eine IIIer mixed-Kletterei, d.h. mit Steigeisen und Eisgeräten über Fels, Eis und Schnee. Den Abschluss bildet eine freihängende 5m Leiter auf eine mit fotowütigen Touristen bevölkerte Aussichtsplattform der Aiguille du Midi. Zurück am Campingplatz versuchen wir den restlichen Tag im teils strömenden Regen nicht nass zu werden.

Tag 3: Ruhetag

Der nächste Tag beginnt, wie der vorherige endete – nass. Gegen Mittag setzte sich die Sonne durch und wir breiten unser gesamtes Material zum Trocknen aus. Das Wetter scheint besser zu werden und wir diskutieren die Wettervorhersage: immer noch kein stabiles Hoch. Am nächsten Tag zunächst sonnig, bis es am Nachmittag zuzieht. Da es auch für die kommenden Tage keine eindeutige Vorhersage gibt, fassen wir einen Entschluss: Wir wollen morgen das Hauptziel unserer Reise, den Grand Capucin, versuchen. Wir packen unsere Sachen, fahren mit einer der letzten Gondeln hoch und marschieren 1:45h im dichten Nebel über den Gletscher zum Wandfuß des Grand Capucin, unserem Biwakplatz für diese Nacht. Das Zelt war schnell aufgebaut und uns stand eine kurze und kalte Nacht auf dem Gletscher bevor.

Tag 4: Grand Capucin – der schwerste Berg der Alpen

Unser Ziel ist den Gipfel zu erreichen. Deshalb entscheiden wir uns wegen der unsicheren Wetterlage für die einfachste und somit auch schnellste Tour: eine Kombination aus der Schweizerführe und der O Sole Mio (VII, 350m, 11 Seillängen), die abgesehen von den gebohrten Standplätzen nahezu vollständig selbst abzusichern ist.

Endlich ist es 5:00 Uhr. Wir sind beide froh darüber, dass es los geht, denn wirklich gut geschlafen haben wir nicht. Daran konnte auch die wunderschöne Eisschicht an der Zeltinnenseite nichts ändern. In unseren Schlafsäcken sitzend, trinken wir den ersten Kaffee, würgen ein paar Bissen Brot hinunter und beobachten eine italienische Seilschaft, die mit Stirnlampe in Richtung Wandfuß marschiert. Die Wolken haben sich verzogen und wir sehen zum ersten Mal den 3838m hohen Grand Capucin: ein beeindruckender 500m hoher und kompakter Felsobelisk, der senkrecht aus dem Glacier du Géant herausragt. Mit kleinem Rucksack und angelegter Kletter- und Eisausrüstung machen wir uns auf den fünfzehnminütigen Zustieg zum Bergschrund. Dieser lässt sich nur in der Rinne überwältigen, in der nachmittags regelmäßig kleine Lawinen aus Schnee und Geröll abgehen. Deshalb queren wir nach wenigen Metern aus dieser auf das 45° steile Schneecouloir. Da der Schnee gefroren ist, lässt sich dieses auch problemlos mit nur einem Eisgerät klettern. Die sich daran anschließenden 200m, eine mixed-Kletterei im III. - IV. Grad, legen wir am laufenden Seil zurück. So sind wir schnell unterwegs und haben am Standplatz der ersten richtigen Kletterlänge die viel früher gestartete italienische Seilschaft ein- aber leider nicht überholt. Diese versuchte sich verzweifelt an dem etwas nassen Einstieg. Der Vorsteiger traute sich aber nicht wirklich vom ersten Haken weg und unsere Befürchtungen steigen, dass wir unseren knappen Zeitplan so nicht einhalten können.Nach längerem Warten, lassen sie uns dann aber endlich vorbei. Tommy hat keine solche Bedenken und klettert ohne zu Zögern zum Standplatz. Daran schließt sich die klettermäßige Schüsselseillänge an: ein traumhafter Fingerriss im VII. Grad. Dem folgen ein paar leichtere Längen in einer großen Verschneidung. Wir kommen zügig voran. Doch es beginnt bereits jetzt zuzuziehen und wir sehen durch die Wolken gerade noch, wie die italienische Seilschaft endgültig umdreht. Jetzt sind wir alleine am Berg. Die Route wechselt auf die Südseite, die heute noch keinen Sonnenstrahl gesehen hat. Demzufolge ist der Fels aufgrund des leichten Schneefalls in der Nacht größtenteils nass. Zur Abwechslung gibt es ein paar vereiste Risse und mit etwas Glück sogar einen trocknen Griff. Ich frage Tommy, ob er sich auf dem nassen Fels wohl fühle oder ob wir abseilen sollten. Mein Komfortbereich ist bei nasser, teilweise vereister und selbst abzusichernder Risskletterei im VII. Grad mit vor Kälte tauben Fingern definitiv überschritten. Tommy meint nur, dass alles bestens sei und er führt weiter. Im Nachhinein betrachtet, hatte er recht: es ist nur Kopfsache, denn die Griffe halten und Reibungstritte sind auch bei nassem Granit kein Problem. Die Kletterei bewegt sich jetzt anhaltend im VI. und VII. Grad. Es folgen zwei wunderbare Risslängen, bevor noch eine – natürlich ebenfalls nasse – VIIener Platte auf uns wartet. Im Gegensatz zu den anderen Längen ist sie wenigstens mit ein paar Bohrhaken abgesichert. Nachdem wir ein kleines Schneefeld, mit unseren Kletterschuhen leicht wacklig, überquert haben, stehen wir um 12:30 Uhr nach einer 60m Länge im IV. Grad auf dem kleinen, spitzen Gipfel des Grand Capucin. Uns ist die freie Begehung auch bei mittelmäßigen Bedingungen gelungen.

Nach zehnmal abseilen stehen wir, inklusive einer Ehrenrunde, um unser festklemmendes Seil zu lösen, um 15:00 Uhr wieder am Bergschrund. Ein Blick auf die Uhr verrät uns, dass die letzte Gondel ins Tal in 2:24h fährt – unserer Vorstellung nach mit uns. Doch dazwischen liegen noch etwa 3km mit 800hm über den Gletscher. Das bis jetzt zuverlässige Topo gibt dafür 3h an. Am Anfang beherzt über ein paar Spalten gesprungen, geht es dank guter Akklimatisation anschließend in großen Schritten bergauf. Bald macht sich aber der lange Klettertag bemerkbar: Die Schultern schmerzen von den schweren Rucksäcken und der Puls ist am Anschlag. Jeder, der einmal einen Tempolauf gemacht hat, kennt dieses Gefühl: alles wird schwerer und langsamer, nur die Uhr tickt unbarmherzig weiter. Zwar macht die Aussicht auf einen warmen Schlafplatz, gutes Essen, eine heiße Dusche und ein Bier keine leichten Beine, führt aber zu einer deutlich größeren Leidensfähigkeit. In diesem Fall ist die Uhr auf unserer Seite. 10 Minuten vor der Abfahrt schleppen wir uns mit letzter Kraft in die Bergstation. Wir haben es geschafft.

Tag 5: Ruhetag

Nach einer erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück stehen wir vor dem nächsten Problem: der Wetterbericht kündigt bereits für den nächsten Tag bestes Wetter an, sodass ein kompletter Ruhetag nicht in Frage kommt. Unser Ziel steht schnell fest: Der 4013m hohe Dent du Géant. Damit heißt es, am frühen Nachmittag gleich wieder mit der Gondel hoch, eine Stunde über den Gletscher laufen und das Zelt in der Nähe des Einstiegs aufstellen. In der Abendsonne sitzen wir vor unserem Zelt und betrachten die morgige Tour: zunächst geht es etwa 600hm über maximal 45° steilen Schnee und Fels hinauf zum Wandfuß und anschließend in sieben Seillängen bis VII+ durch die 200m hohe Südwand des Dent du Géant..

Tag 6: Dent du Géant

Langsam entwickelt sich eine Routine: Aufstehen, Frühstück im Schlafsack, rein in die eiskalten Bergstiefel, Ausrüstung anlegen, Biwak abbauen und los geht’s. Ein paar Seilschaften sind schon vor uns unterwegs, doch bis zu dem engen, 45° steilen Schneecouloir haben wir diese überholt und können nun ungestört in unserem Tempo aufsteigen. Der Blick über die Schulter zeigt ein gigantisches Panorama mit einem perfekten Sonnenaufgang am Mont Blanc. Gegen 8 Uhr stehen wir unter der steilen Südwand. Wir richten in aller Ruhe unsere Klettersachen her und hoffen, dass die Sonne in unsere Tour kommt – leider vergeblich. Ich steige die erste Länge, einen IVer, in meinen Bergstiefeln vor. Tommy lässt im Nachstieg sogar noch die Handschuhe an. Aber dieser Komfort ist jetzt vorbei. Tommy zwängt sich in seine Kletterschuhe und führt diese VII+ Wand- und Verschneidungskletterei. Hier treffen wir wieder auf alte Bekannte – vereiste Risse. Der Standplatz liegt zwar in der Sonne, aber mit dem Wind wird einem auch nicht so richtig warm. Ich übernehme das Material und steige in die nächste VIIer Länge ein. Auf Anhieb fällt mir fällt an diesem Bauch keine richtige Lösung ein und ich klettere die nächsten 2m A0. Auch Tommy bleibt im Nachstieg nichts anderes übrig. Genau an der Stelle, an der man auf den Absatz klettern müsste, befindet sich eine große Eisfläche und unsere Eisgeräte haben wir leider am Einstieg zurückgelassen. Die nächste Länge ist eine perfekte Rissverschneidung im VII. Grad. Danach wird es erst einmal leichter, dafür aber auch kälter. Die Tour zieht sich jetzt durch eine riesige Verschneidung. Wir klettern nun nicht mehr in Wechselführung. Es ist einfach zu kalt. Ich bin jedes mal froh, wenn ich am Standplatz wieder in die Handschuhe schlüpfen kann. Diese sogenannte Südwand fühlt sich an wie eine Nordwand. In der letzten Länge muss Tommy noch eine Alternative suchen, denn die eigentliche Tour ist so vereist, dass an ein sicheres Klettern nicht zu denken ist. Endlich, noch ein paar Meter seilfrei und ich stehe auf dem Gipfel des Dent du Géant, der übrigens mein erster 4000er ist. Das Panorama ist beeindruckend – es reicht von Mont Blanc über Aiguille Verte bis zu den Grandes Jorasses. Leider ist es sehr windig. So seilen wir schnell ab und machen uns dieses Mal deutlich gemütlicher auf den Rückweg zur Gondel.

Tag 8: Contamine, Aiguille du Midi

Als unsere letzte Tour wählten wir einen der Klassiker an der Südwand der Aiguille du Midi: die Contamine (VIII-, 190m). Die Route ist, bis auf die Ausstiegsplatte, eine reine Risskletterei und wiederum, abgesehen von den Standplätzen, vollständig selbst abzusichern. Der Zustieg, besser gesagt der Abstieg von der Bergstation auf der Aiguille du Midi, ist in 15min erledigt. Danach geht es acht Seillängen stets dem gleichen Risssystem nach. Nach den Strapazen der letzten beiden Touren, ist diese hier ein wahrer und sonniger Genuss – einfach die perfekte Abschlussroute. Vier Stunden später sind wir am Gipfel. Nach einer kurzen Abseilstrecke von 20m stehen wir auf einer Aussichtsplattform der Aiguille du Midi. Wir fahren ins Tal, packen das Auto und machen uns auf den Heimweg. Was bleibt, sind die Erinnerungen: kalte Nächte im Biwak, eiskalte Finger beim Klettern, die Ruhe, wenn man abends zu zweit ganz alleine am Gletscher ist, aber vor allem das Glücksgefühl auf dem Gipfel zu stehen und sein Ziel erreicht zu haben.

Maximilian und Thomas Dauser

Tommy am Zustieg des Dent du Géant vor dem im Sonnenaufgang glühenden Mont BlancTommy am Ausstieg der Contamine an der Aiguille du Midi Südwand, im Hintergrund stehen die Grandes Jorasses und der Dent du GéantIch in einer der leichteren Seillängen der Schweizerführe am Grand CapucinDie erste Seillänge des Chèré CouloirsUnser Biwak vor dem Dent du Géant
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