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Haute Route

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Samstag, 14. April 2018 - Samstag, 21. April 2018

Die „Haute Route“ ist der Klassiker unter den Skidurchquerungen in den Alpen. Die Originalroute führt von Chamonix durch das Mont Blanc Massiv nach Zermatt in die Walliser Alpen.

Diese war zumindest auch geplant und aufgrund der Beliebtheit der Tour mussten die Hütten und Talquartiere frühzeitig gebucht werden, da einige der Hütten während der Tourensaison über Wochen restlos ausgebucht sind.

Als endlich die letzte Reservierungszusage da war und die Anzahlungen getätigt waren, kam eine Woche später die Absage der Chanrionhütte. Aufgrund eines Wasserschadens blieb die Hütte über die ganze Skitourensaison geschlossen.

Jetzt hieß es schnell eine Alternative finden! Von Verbier aus starten und somit das Mont Blanc Gebiet auslassen und dafür das Monte-Rosa-Massiv hinten dranhängen. Mit der Monte Rosa Hütte fand sich ein adäquater Abschlussstützpunkt für die umliegenden 4000er Gipfelziele.

 

Die Anfahrt verlief reibungslos. Unser Zeitpuffer wurde trotz Bahnverladung am Furka-Basistunnel, Klamottenwechsel und Tourenausrüstung sortieren im Parkhaus in Visp, den Umstieg auf den Zug von Visp über Martigny nach Le Chable und von dort per Seilbahn nach Verbier nicht aufgebraucht.

Erst in Verbier gab es  eine Pause, da wir lediglich die letzte Seilbahn ins Skigebiet zum Col de Vaux erreichen mussten. Von dort ging es zunächst über die Piste dann querend in der nachmittäglichen Hitze und ohne Akklimatisation zur Cabane du Mont Fort auf 2457m. Die Sonne vor der Hütte genießend hatten wir zufällig eine Begegnung mit einer niederländischen Skifahrerin, welche uns das Motto der Tour vorgab. Nachdem Sie uns neugierig fragte, was wir den vorhätten, erzählte Sie uns, dass Sie genau in der Hose, die Sie heute trägt, die Haute Route  vor ungefähr  10 Jahren gemacht hatte. Sie war noch immer begeistert und meinte strahlend: „It changed my life - completely!“. Mit mehr Erwartung, als wie dieser, konnten wir die Tour nicht starten.

 

Die Verbier Variante hatte auch den Vorteil, dass die erste Etappe nicht ganz so gaach ist. Trotzdem hieß es, möglichst früh aufstehen, um nicht im nachmittäglichen Sumpfschnee einer erhöhten Spaltensturzgefahr ausgesetzt zu sein. Jedoch waren durch den schneereichen Spätwinter die Verhältnisse so gut wie schon lange nicht mehr und die Spalten mit einer ausreichend mächtigen Schneeschicht überdeckt.

Wir zogen zunächst unsere Spur vorbei am Mont Fort und Bec de Rosses, der mit seiner 500 Meter Steilabfahrt zum jährlichen Spektakel der Freeride World Tour einlädt, zum Col de la Chaux. Hier folgte die erste rassige Abfahrt. Morgendlich noch hartgefroren, rattern wir zum Lac de Petit Mont Fort. Über den Col de Momin stiegen wir mit erster Gletscherberührung weiter und steuerten den Rosablanche,  unserem ersten Gipfelziel mit 3336 m, an. Die Blicke öffneten sich im Anstieg zum Mont Blanc Massiv und am Gipfel erkannten wir bereits unseren noch weit entfernten Zielpunkt mit dem Matterhorn und der Monte-Rosa.

Die nur alle 2 Jahre stattfindende „Patrouille de Glacier“ befand sich gerade im Aufbau. (Patrouille de Glacier ist das größte Rennen im Skibergsteigen weltweit, führt von Zermatt nach Verbier und ist als 3er-Mannschaftsrennen für Militärangehörige entstanden. Heute können jedoch auch zivile Mannschaften mit Bergführer starten. Die Athleten legen auf einer Distanz von 100km rund 400 Höhenmeter zurück. Die schnellsten erledigen dies in einer Zeit unter 6 Stunden.)  Direkt am Gletscher auf ungefähr 3000m wurde gerade ein Winterbiwak der Gebirgsjäger als Verpflegungsstation für das Rennen eingerichtet.

Unser Weg führte uns über den Glacier de Prafleuri mit seinen sanften Hängen hinab zur gleichnamigen Hütte. Für den kommenden Tag war stabiles Wetter mit nachmittäglicher Eintrübung angesagt. Ein früher Start und die längere flache Variante der Route entlang des Dix Stausees zur Umgehung der Lawinenknollen im Südhang wurde uns von der Hüttenwirtin empfohlen.

 

Trotz des frühen Starts am kommenden Morgen stand in der Flachetappe entlang des Stausees bereits gnadenlos die Sonne und heizte ein. Die vermeintlich kürzeste Etappe erschien hierdurch endlos. Entschädigt wurden wir jedoch durch den fortwährenden Blick auf das Massiv des Mont Blanc de Cheilon mit seiner mächtigen Nordwand. Wie schnell das Wetter im Hochgebirge umschlagen kann, erlebten wir noch kurz vor der Hütte, als die Bewölkung rasch zunahm, uns die Wegfindung von einem zum anderen Augenblick erschwerte und wir die Hütte erst in einer Entfernung von höchstens 50 Metern erkennen konnten.  

 

Die Spezialität auf den Schweizer Hütten ist sicherlich ein Rösti mit Käse, Speck und Spiegelei. Und das schmeckt besonders gut, wenn’s draußen ungemütlich ist. Die Kalorien konnten wir zudem gut gebrauchen, da wir am kommenden Tag eine der anspruchsvolleren Etappen vor uns hatten.

 

Während wir in respektvollen Abstand die Nordwand des Mont Blanc des Cheilon querten, brechen von dort Eislawinen herunter und grollen zu uns herüber. Die Sonne stieg über dem Gletscher auf und kitzelte unsere Nasen. Der Col de Tsijiore Nouve gab plötzlich den Blick zu Matterhorn und zum Dent d'Hérens frei. Der Weg führte uns weiter zum steilen Aufschwung La Serpentine, den wir aufgrund der exzellenten Bedingungen mit Ski anstatt mit Steigeisen begehen konnten. In weitem Bogen führte uns die Spur auf den Pigne d‘Arolla (3790 m), unserem 2. Gipfel der Tour.  Wir machten noch die obligatorischen Gipfelbilder mit Pickelpose und mussten sogar unseren Pickel an eine Gruppe Österreicher verleihen, die das wichtigste Utensil für ein gelungenes Gipfelfoto vergessen hatten.

 

Nach einer langen Pause bei bestem Wetter begannen wir die Abfahrt über den Arollagletscher zur Cabane des Vignettes, die sich wie ein Adlerhorst auf einen Felsrücken an die steile Wand anschmiegt. Durch das exzellente Wetter waren für uns die Länge der Etappe und auch die Wegfindung kein Problem, aber nur 14 Tage später sollten genau auf dieser Etappe 7 Skitourengeher bei einem extremen Wettersturz ihr Leben verlieren, weil Sie entkräftet und ohne Orientierung nur 400m Luftlinie von der Hütte entfernt ohne Schutz biwakieren mussten. Diese Fehleinschätzung der Verhältnisse und der Wettervorhersage sollte uns jedenfalls eine Warnung sein, dass am Berg nichts erzwungen werden kann, wenn sich die Naturgewalten in ihrer vollen Stärke entfalten.

 

Den Nachmittag nutzten wir zur Übung der losen Rolle für die  Kameradenrettung an einem Windkolk, in den sich einer von uns in voller Montur hinabgleiten ließ, während die beiden anderen der Seilschaft die Bergung bewerkstelligten.

Für uns stand am kommenden Tag die sogenannte Königsetappe mit 3 Passübergängen an. Zunächst durften wir uns über eine Abfahrt in der Morgendämmerung freuen. Nach dem Sonnenaufgang stiegen wir zum Col de l’Evêque (3.392 m) auf. Durch die Hochgebirgsszenerie führte der Weg zum Fuße des Col du Brulé (3.213 m), an dem wir die Ski gegen Steigeisen tauschen mussten, um die 150 Meter zum Sattel zu überwinden. Aufgrund der hervorragenden Verhältnisse entschlossen wir uns, auch noch den Tête de Valpelline (3798 m) als 3. Gipfel mitzunehmen. Ein Weg, der sich in jedem Fall lohnt, da der Blick auf die gewaltige 1300 Meter hohe Nordwand des Dent d'Herens (4171 m) einen bleibenden Eindruck hinterlässt, und sich links daneben das Matterhorn und im Norden der gewaltige Dent Blanche sowie Weisshorn, Zinalrothorn und Obergabelhorn und am Horizont die Mischabelgruppe aufreihen.

Nach der Pflicht kam die Kür. Und so ging es 1300 Höhenmeter hinab, zunächst durch Pulverschnee zum Col de Valpelline (3.562 m) und bei bestem Firn durch die wilden Gletscherbrüche des Stöckjigletschers. Eine Fahrt, die nicht nur skifahrerisch, sondern auch fürs Auge einiges zu bieten hatte. Wieso die Schönbielhütte von vielen „Haute Route“ Begehern gerne ausgelassen wird, konnten wir jedoch bald  sehen. Der Hüttenanstieg führte über einen westseitigen Moränenrücken, der nachmittäglich bereits durchgeweicht und durch Ausaperung mit Steinschlagrisiko behaftet war. Jedoch ist dann die Aussicht von der Hütte, auf die Matterhorn Nordwand mit der Gletscherkulisse und der Sonnenuntergang der das Monte-Rosa-Massiv in zarte Rosatöne taucht, einzigartig in den Alpen. Das wussten anscheinend auch die Berchtesgadener Gebirgsjäger, die dort als Unterstützungstruppe für ihre Rennläufer der „Patrouille de Glacier“ einquartiert waren.

Der nächste Tag führte uns entlang des riesigen Moränerückens am alles überragenden Matterhorn vorbei nach Zermatt-Furi. Nach den Tagen am Berg wirkte die Seilbahnstation aus Beton und Stahl mit seinem asphaltierten Vorplatz mehr als abweisend. Für uns kein Ort zum Verweilen. Die Bahn brachte uns auf das Kleine Matterhorn (3883 m), von wo wir mit zahlreichen Gipfelaspiranten auf den wohl leichtesten Ski-Viertausender der Alpen, das Breithorn (4164 m), marschierten. Die Abfahrt vom Breithorn führte uns in eine schweißtreibende Querung zum Schwarztor, das die Einfahrt in den Schwärzegletscher darstellt. Rund 1300 Höhenmeter Gletscherabfahrt standen vor uns.  Zunächst noch breit und flach und dann immer steiler und zerrissener, waren wir immer wieder gefordert, die richtige Linie durch die Spaltenzonen und Seracs zu finden.

Nach Rast am Grenzgletscher, ein Arm des Gornergletschersystems, mit 12,9 km der drittlängste Gletscher der Alpen, strebten wir der futuristischen Monte-Rosa-Hütte (2883 m), deren Außenhülle von einem Bergkristall inspiriert ist, entgegen. Den Umkreis der Hütte bilden die Viertausender Castor, Pollux, Liskamm und das Monte-Rosa-Massiv mit Signalkuppe und der Dufourspitze. Immer wieder bleibt der Blick nach Westen Richtung Matterhorn hängen, das sich dort wie im Bilderbuch aufbaut und zum Sonnenuntergang ein den Tag beschließendes Spektakel bietet. Und das auch noch, wie uns der Hüttenwirt mehrmals versicherte: „Alles gratis“. Aber das Beste an der Hütte waren die seit Tagen erste warme Dusche und die hervorragende Verpflegung.

Wenn man schon Mal da ist und die Verhältnisse entsprechend gut sind, so wollten wir sie dann auch versuchen: Die Dufourspitze. Sie ist mit 4634 Metern der höchste Gipfel der Schweiz sowie des gesamten deutschen Sprachraums und der zweithöchste Gipfel der Alpen.

Also trugen wir uns in die Liste der frühen Frühstücker ein und testeten nochmal die Stirnlampen.

Im Dunkeln tappten wir begleitet vom Scharren der Harscheisen zum ersten steileren Aufschwung , den wir zur Oberen Plattje überwanden. Hier begann der Gletscher, durch den sich unser Weg, die Spaltenzonen umgehend, bahnte. Zum Farbenspiel des Sonnenaufgangs lag schon die Hälfte unserer Strecke hinter uns. Von der „Scholle“ zogen wir unsere einsame Spur durch die bis zu omnibusgroßen Spalten Richtung Silbersattel (4515 m),  unser Tagesziel, was wir allerdings bis dahin noch nicht wussten.

Das steile Nordwandcouloir stellte sich uns mit Blankeis in den Weg und die Fixseile waren durch einen Felssturz beschädigt oder nicht mehr vorhanden. Auch unser Versuch, es ein Stück daneben zu versuchen, scheiterte an immer wieder mit Blankeis durchsetzten Stellen.

Zumindest hatten wir es versucht, und somit mussten wir uns mit dem Silbersattel 120 Meter unter dem Gipfel begnügen.

Wichtiger als der letzte Gipfelerfolg ist aber, dass wir es alle Fünf geschafft hatten. Die Gletscherwelt der Walliser Alpen hatte sich uns bei herrlichem Wetter präsentiert und uns eine unvergessliche Zeit beschert. Und der Ein oder Andere wird sich sagen: „Haute Route - Changed my life -- completely !“.

 

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