Hochtour Venedigergruppe

Donnerstag, 09. Juli 2026 - Sonntag, 12. Juli 2026

Großvenediger (3.666 m) – „Weltalte Majestät“

Es gibt Berge, die man besteigt. Und es gibt Berge, die man erlebt. Der Großvenediger gehört definitiv zur zweiten Kategorie.

Unser Abenteuer beginnt am Matreier Tauernhaus in Osttirol. Von dort marschieren wir zunächst ins wunderschöne Innergschlöß und weiter durch das Gschlößtal Richtung Neue Prager Hütte (2.796 m). Den direkten Weg? Langweilig. Natürlich entscheiden wir uns für den längeren Zustieg über den Gletscherlehrpfad – schließlich sind wir nicht zum Spazieren hier.

Vorbei am Salzlackensee und dem „Auge Gottes“ erreichen wir die beeindruckenden Gletscherschliffplatten. Über Jahrtausende hat das Schlatenkees den Fels unter gewaltigem Druck glattgeschliffen. Das Ergebnis sieht aus, als hätte Mutter Natur den Berg mit riesigem Schleifpapier auf Hochglanz poliert. Grau, Rot, Braun und Grün schimmern im Gestein – wunderschön anzusehen. Weniger schön ist allerdings, darauf zu laufen. Hier hilft nur maximale Reibung, Vertrauen in die Schuhe und der Beistand des „Heiligen Pirelli“.

Mit jedem Höhenmeter wächst die Vorfreude auf den ersten freien Blick über das Schlatenkees und die Venedigergruppe. Irgendwann entdecken wir die Alte Prager Hütte. „Da sind wir gleich!“, denkt man sich. Ein klassischer Anfängerfehler. In den Bergen bedeutet „gleich da“ gerne noch eine halbe Ewigkeit. Doch schließlich stehen wir tatsächlich an der Alten Prager Hütte (2.489 m), gönnen uns eine Pause und genießen das Panorama. In der Ferne winkt bereits die Neue Prager Hütte. Nur noch rund 300 Höhenmeter. Also quasi direkt ums Eck.

Der weitere Anstieg ist pures Bergkino. Die mächtige Gletscherzunge des Schlatenkees zieht sich durch die Landschaft, darüber ragen die Gipfel der Venedigergruppe in den tiefblauen Himmel. Strahlender Sonnenschein, blendend weißes Eis und eine Aussicht, bei der man automatisch langsamer geht – nicht weil man muss, sondern weil man jeden Augenblick aufsaugen möchte. Solche Momente erinnern einen daran, warum wir diesen Sport so lieben.

An der Neuen Prager Hütte werden wir herzlich vom jungen Wirte-Team empfangen. Man merkt sofort, dass hier mit Leidenschaft gearbeitet wird. Freundlich, unkompliziert und mit einer Gastfreundschaft, wie man sie sich auf einer Berghütte wünscht.

Nach einer kleinen Erkundungstour Richtung Gletscher präsentiert uns Norbert seine legendären einbeinigen Yogaübungen. Angeblich Standardprogramm. Ob seine Yoga-Mädels das genauso elegant hinbekommen hätten, bleibt allerdings ungeklärt.

Am Abend serviert uns das Hüttenteam ein sensationell gutes Linsen-Bohnen-Gericht. Kulinarisch ein Volltreffer. Atmosphärisch wurde die Nacht anschließend… nun ja… äußerst lebhaft. Wer schon einmal Hülsenfrüchte auf fast 2.800 Metern genossen hat, weiß vermutlich, wovon ich spreche. Als dann auch noch ein dramatischer Hilfeschrei durchs Haus hallt und sämtliche Schlafsäcke gleichzeitig aufspringen, ist endgültig klar: Diese Nacht wird in Erinnerung bleiben.

Um vier Uhr klingelt der Wecker. Thermofrühstück, Stirnlampen an und los geht's. Über blockiges Gelände erreichen wir den Gletschereinstieg. Am Anseilplatz wird aus der Wandergruppe eine Seilschaft.

Die erste Steilstufe ist bereits ausgeapert und verlangt konzentrierte Steigeisentechnik. Danach führt uns die Spur sicher durch das spaltenreiche Schlatenkees. Meter für Meter kommen wir unserem Ziel näher. Die Spannung steigt mit jedem Schritt.

Die letzte Herausforderung wartet direkt unter dem Gipfel: ein schmaler Firngrat. Links und rechts geht es ordentlich hinunter, also heißt es noch einmal volle Konzentration. Dann ist es geschafft.

Großvenediger. 3.666 Meter.

Für Monika und Christian ist es die erste Gletschertour und gleichzeitig der höchste Gipfel ihres bisherigen Berglebens. Größer könnte das Grinsen kaum sein. Nach den obligatorischen Gipfelfotos genießen wir die gewaltige Aussicht. Rundherum ein Meer aus Dreitausendern – und mittendrin wir. Genau für solche Momente schleppt man sich freiwillig tausende Höhenmeter bergauf.

Obwohl das Wetter am nächsten Tag kaum besser sein könnte, steht Ausbildung auf dem Programm. Hochtouren bedeuten Verantwortung. Also graben wir T-Anker, üben Spaltenbergung unter erschwerten Bedingungen, trainieren Selbstrettung und bestimmen Positionen mit Karte und Kompass. Was anfangs noch nach Theorie aussieht, entwickelt sich schnell zu einem spannenden Training. Jetzt sind unsere Hochtourenneulinge bestens gerüstet für die nächsten großen Ziele.

Den letzten Abend lassen wir gemütlich bei ein paar Gläsern Wein ausklingen. Geschichten werden erzählt, gelacht wird ohnehin die ganze Zeit, und irgendwie sind sich alle einig: Die Zeit auf der Hütte vergeht grundsätzlich viel zu schnell.

Der Abstieg hält schließlich noch ein besonderes Highlight bereit. Christian demonstriert uns die unglaubliche Kraft der Fokussierung und bewegt scheinbar tonnenschwere Felsblöcke. Kein Witz. Ich hätte Stein und Bein geschworen, dass sich plötzlich eine komplette Gesteinsplatte bewegt hat. Und nein – weder Zauberpilze noch sonstige bewusstseinserweiternde Mittel waren im Spiel.

Wie genau das funktioniert?

Das verrate ich Euch bei der nächsten Tour.

Bis dahin bleibt nur eines zu sagen:

Der Großvenediger ist und bleibt eine weltalte Majestät. Und jedes Mal, wenn man dort unterwegs ist, nimmt man ein kleines Stück Abenteuer mit nach Hause.

Bis bald auf dem nächsten Berg!

Euer Thali

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